Die Konzeption der Kindertagesstätte St. Jacobi

Vorwort
Der Lebensraum Kindergarten ist nicht nur eine Spiel-, sondern auch eine Lebensgemeinschaft.
Kinder lernen durch unmittelbares Tun; sie erobern spielend und bewegend ihre Umwelt. Sie lernen miteinander und voneinander. Sie erleben gemeinsam mit anderen Kindern und mit uns einen Teil ihrer Kindheit.
Wir wollen ihnen entdeckendes, erlebendes, lebendiges Lernen ermöglichen und sie am Alltagsgeschehen teilhaben lassen. Unsere Grundhaltung basiert auf gegenseitiger Achtung und Wertschätzung. Bedürfnis- und erlebnisorientiertes Arbeiten, sowie unsere Vorbildfunktion sind dabei von wesentlicher Bedeutung.

Göttingen, im September 1995
1. überarbeitete Version vom Januar 2002

Selbstbewusstsein, Selbständigkeit, Sozialverhalten
Der Aufbau und die Förderung des Selbstbewusstseins, der Selbständigkeit und des Sozialverhaltens bilden die Basis unserer pädagogischen Arbeit.
Um andere Menschen mit allen Stärken und Schwächen akzeptieren zu können, ihnen nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen und sie gleichberechtigt zu behandeln, muss ein Kind zunächst lernen, sich selbst zu verstehen und anzunehmen. Nur, wenn das gelingt, kann es auch anderen Menschen Achtung, Wertschätzung und Verständnis entgegenbringen.
Das bedeutet für uns, dass das einzelne Kind Ausgangspunkt unserer Pädagogik ist. Seinem Entwicklungsstand und persönlichen Tempo entsprechend begleiten wir es auf seinem Weg und bringen ihm Vertrauen entgegen. Nicht die Leistung, sondern das Kind mit seinen Bedürfnissen steht im Mittelpunkt des Geschehens.
Die Kinder orientieren sich an uns als Person und an Möglichkeiten, die wir ihnen eröffnen.
Wir möchten ihnen helfen, ihre Gefühle wahrzunehmen, anzunehmen und zum Ausdruck zu bringen. Sie sollen lernen, nein sagen zu können, ihre Meinung zu äußern, zu ihren Fehlern zu stehen und verantwortungsvoll Lösungsmöglichkeiten zu suchen.
Im gemeinsamen Erleben mit uns und den anderen Kindern entwickeln sie ein Gefühl von Zugehörigkeit, Gemeinschaftssinn und Hilfsbereitschaft.
Gleichermaßen erfahren sie, dass individuelle Wünsche und Bedürfnisse nicht immer befriedigt werden können und lernen, Kompromisse zu schließen.

Freiheit und Grenzen
"Soviel Freiheit wie möglich, so wenig Einengung wie nötig" – dieser Satz bringt unsere grundsätzliche Einstellung zu diesem Thema zum Ausdruck.
Neben den Anregungen, die die Kinder von uns bekommen, müssen sie auch unbedingt Freiräume haben – Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, wann, wo, mit wem, wie lange und mit welchen Gegenständen sie spielen wollen. Dadurch lernen sie, Handlungsabläufe zu verstehen und sich zunehmend mehr zuzutrauen, eigene Wege zu gehen.
Durch entsprechende Raumgestaltung und die verschiedenen Materialien, die wir ihnen zur Verfügung stellen, wird die Phantasie angeregt, und sie lernen durch "Be-greifen" und Selbsterfahrung. Sie nehmen sich immer wieder als Person wahr und finden ihren Platz in der Gruppe.
Indem wir Kindern Vertrauen entgegenbringen, lernen sie, sich selbst und ihren Fähigkeiten zu trauen und sich der Welt vertrauensvoll zuzuwenden.
Sie entdecken ihre Stärken und Schwächen. Probleme sprechen wir an und entwickeln gemeinsam mit den Kindern Konfliktlösungsmöglichkeiten. Wichtig ist dabei, die Grenzen bei sich selbst und anderen wahrzunehmen und zu akzeptieren.
Einengung erfahren die Kinder von uns an den Stellen, wo sie sich selbst oder andere gefährden und auch, wenn es um das Sozialverhalten geht. Sie müssen lernen, dass alle Menschen gleichermaßen wichtig sind und mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen ernstgenommen werden.
Gemeinsam entwickeln wir Regeln, die der Orientierung und dem Miteinander dienen und Sicherheit vermitteln.
Bezüglich der Nutzung der Räumlichkeiten und des Umganges mit den verschiedenen Materialien werden Absprachen getroffen, und die Kinder wissen von uns, worauf wir Wert legen – sie kennen unsere Position. Was wir meinen, sagen wir, was wir sagen, meinen wir.
Der vertrauensvolle Umgang miteinander führt dazu, dass Kinder sich angenommen und wohlfühlen können und zunehmend mehr selbstbewusst, handlungsfähig und kooperativ werden.
Wir wissen, dass wir ein Ideal setzen, und es ist uns klar, dass der Weg das Ziel ist.

Die Rolle der Erzieherin
Die Erzieherin ist in einem für das Kind neuen Lebensabschnitt – dem Eintritt in den Kindergarten – Entwicklungsbegleiterin.
Dabei ist Ausgangspunkt unserer Pädagogik, das Kind als Akteur seiner Entwicklung zu sehen, es also da abzuholen, wo es steht. Wir nehmen dabei eine Vorbildfunktion ein, d.h., wir müssen authentisch sein, eine eigene persönliche Linie deutlich machen, unsere eigenen Grenzen erkennen und in der Lage sein, Gefühle zu zeigen. Kinder lernen weniger durch Kritik, sondern viehmehr durch das Vorbild.
Weiterhin sind wir Beobachterinnen und Impulsgeberinnen, d.h., es gilt, die schöpferischen Kräfte der Kinder zu erkennen und zu fördern, ihre körperliche, geistig seelische Entwicklung, sowie ihre Eigenständigkeit zu unterstützen.
Außerdem ist es unser Anliegen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, den Kindern Raum für eigene Erfahrungen und Fehler zu gewähren, sie phantasievoll anzuleiten und, wenn es die Situation erfordert, sachliche, konstruktive Kritik zu üben. Dabei ist es von großer Bedeutung, offen zu sein für das einzelne Kind, sein individuelles Sein, seine Herkunft und sein Umfeld. Auch die unterschiedlichen Entwicklungsbedürfnisse von Jungen und Mädchen finden dabei Berücksichtigung.
Bei der täglichen pädagogischen Arbeit ist es für uns wesentlich, auf Positivem aufzubauen, Negativverhalten als einen Hilfeschrei zu verstehen, und ebenso darauf zu achten, dass auch scheinbar ruhige, zurückhaltende Kinder das notwendige Maß an Aufmerksamkeit erfahren. Ermutigung als Lernhilfe ist für die Entwicklung der Kinder unbedingt notwendig.
Außerdem sind wir bemüht, den Entwicklungsphasen des einzelnen Kindes, seinen Energien, Bedürfnissen und Interessen, sowie der Beziehungsgestaltung offen gegenüberzustehen.
Unser Arbeitsfeld erfordert Akzeptanz, Flexibilität, Spontaneität und Toleranz, doch auch wir sind nicht frei von Fehlern!
Ein weiterer grundlegend wichtiger Bereich unserer Arbeit ist der Austausch im Team und mit den Eltern.

Spiel und Bewegung
Spiel und Bewegung sind elementare Voraussetzungen für die gesunde seelische, geistige und körperliche Entwicklung der Kinder und somit wesentliche Bestandteile unserer Arbeit.
Kinder haben einen enormen Bewegungsdrang. Durch innerliches und äußerliches Bewegtsein bauen sie ihre Beziehung zur Welt auf. Sie erfahren sich selbst und entdecken ihre körperlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse. Das innere Erleben findet in der Bewegung seinen äußeren Ausdruck.
Um diesem Grundbedürfnis gerecht zu werden, bieten wir den Kindern die Möglichkeit, im Turnraum, Flur und Garten mittels Tischen, Stühlen, Bänken, psychomotorischen Spielgeräten, Kletterwänden, Bausteinen, Schaumstoffelementen, Matten, Reifen, Kisten und verschiedensten anderen Materialien Bewegungsbaustellen entstehen zu lassen. Durch Umgestalten und Ausprobieren gewinnen sie zunehmend mehr Sicherheit und Selbstvertrauen und gelangen zu neuen Erfahrungen und Erkenntnissen.
Im unmittelbaren Tun lernen sie Handlungsabläufe verstehen und spüren Freude und Stolz am eigenen Können.

Das Freispiel
Das Freispiel wird in der gängigen Fachliteratur zu Recht als "Königsweg des kindlichen Lernens" bezeichnet.
Es ist der wichtigste Bestandteil unserer Arbeit und muss somit immer wieder genügend Raum im Tagesablauf einnehmen.
Die Freispielsituation bietet uns die Möglichkeit, Zeit für intensives Beobachten des Spielgeschehens und der einzelnen Kinder zu haben, um sie dadurch besser kennen zu lernen, bei auftretenden Problemen unterstützend einzugreifen, Anregungen zu geben, beim Umsetzen der Spielideen zu helfen, Material zur Verfügung zu stellen und aktuelle Situationen für die Planung unserer Angebote aufzugreifen. Dadurch können wir den Bedürfnissen und Interessen der Kinder besser gerecht werden.
Für das Kind ist es wesentlich, selbständig zu entscheiden, wo, wann, mit wem, wie lange, zu welchem Thema und mit welchen Materialien es spielen möchte. Auf diese Weise werden Konfliktsituationen verarbeitet, eigene Interessen verwirklicht, und die Kreativität des einzelnen Kindes wird gefördert.
Das selbstbestimmte Spiel führt zu intensiven Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten. Die Kinder erleben sich selbst mit ihren Fähigkeiten und Grenzen. Durch Ausprobieren erweitern sie Schritt für Schritt ihre Kompetenzen.
Aus der Spielfähigkeit des Kindes leitet sich die spätere Schulfähigkeit ab.

Die Angebote
Die Angebote orientieren sich an den Bedürfnissen und Interessen unserer Kinder und an aktuellen Situationen.
Durch Vielfältigkeit möchten wir jedem Kind die Möglichkeit eröffnen, dass es an interessanten und bedürfnisgerechten Angeboten teilnehmen kann. Wir versuchen immer wieder, jedes einzelne Kind zu motivieren, es wird jedoch niemand zur Teilnahme gezwungen.
Allerdings gibt es auch gemeinsame Aktionen, wie z.B. Gesprächskreise, Geburtstagsfeiern, an denen alle Kinder verbindlich teilnehmen.
Auch bezüglich der Angebote gilt das Prinzip des unmittelbaren Tuns und der Nachahmung. Unseren Kindern werden dadurch immer wieder neue Spielmöglichkeiten eröffnet, die sowohl zum entdeckenden Lernen verhelfen, als auch Impulse für das Freispiel geben.
Es geht nicht darum zu konsumieren, sondern darum, selbsttätig Erfahrungen zu sammeln. Nicht das fertige, perfekte Produkt zählt, sondern die Freude am Tun und das schrittweise Erlangen von Fertigkeiten.
Im einzelnen beziehen sich die Angebote, die sowohl in den jeweiligen Gruppen als auch gruppenübergreifend stattfinden, auf folgende Bereiche:
• gezielte Sinnesschulung (Riechen, Schmecken, Sehen, Hören, Tasten)
• Umwelt und Naturerfahrung
• Turnen
• Musik, Rhythmik
• Malen
• Werken
• Töpfern, Modellieren
• Basteln
• Rollenspiele, Darstellungsspiele, Fingerspiele, etc.
• Gesprächskreise
• Bilderbuchbetrachtungen
• Märchen und Geschichten erzählen
• Stille Übungen
• Exkursionen und Ausflüge

Das Alltagsgeschehen
Während des gesamten Tagesablaufes erleben die Kinder bei uns vielerlei, den Alltag betreffende Tätigkeiten, in die wir sie soweit wie möglich mit einbeziehen. Folgende Bereiche sind dabei insbesondere gemeint:
• An-, Aus- und Umziehen der Kinder
• Zähneputzen, Körperpflege
• Tische decken und abräumen beim Frühstück, Mittagessen und Imbiss am Nachmittag
• Backen, z.T. Kochen
• Blumen gießen
• Aufräumen
• Gartenpflege
• Müll entfernen
• Vorbereitung des Schlafraumes für unsere Ruhezeit am Mittag
• Gestaltung und Schmücken der Räume
• Vorbereitung von Festen und Feiern
Den Kindern bietet sich ständig wiederkehrend die Gelegenheit, wichtige Handlungsabläufe des täglichen Lebens aktiv auszuprobieren, zu entwickeln und zu gestalten. Sie lernen dadurch zunehmend Verantwortung zu tragen und werden immer selbständiger, selbstbewusster und unabhängiger.

Die religionspädagogische Arbeit
Unsere Kindertagesstätte ist Teil der Ev.-luth. St. Jacobi Kirchengemeinde.
Sie steht allen Kindern offen, d.h. auch Kindern anderer Konfessionen, Religionen oder ohne kirchliche Bindung und ist geprägt durch eine Erziehung in christlicher Verantwortung.
Durch unsere Einstellung und Haltung gegenüber unseren Mitmenschen und durch die Atmosphäre, die wir schaffen, erfahren die Kinder vom christlichen Glauben. Mitmenschlichkeit, Liebe, Respekt und Achtung sich selbst und anderen gegenüber sind dabei bedeutsam.
Die Kinder so anzunehmen, wie sie sind mit allen Stärken und allen Schwächen ihnen liebevoll und verständnisvoll zu begegnen, das sind unsere wesentlichen Anliegen.
Im täglichen Zusammenleben ergeben sich ständig Situationen, in denen unsere Kinder und wir Erwachsenen Konflikte erleben und damit zusammenhängend Vergebung, Versöhnung, Abbau von Angst, Zugeben von eigenen Fehlern, Aufbau von Vertrauen, Verständnis, Offenheit und Gemeinschaft.
In ersten Ansätzen lernen die Kinder verstehen, worauf sich christliches Leben begründet.
Was wir den Kindern vom Glauben vermitteln wollen, versuchen wir immer wieder in den Tagesablauf, in das Kirchenjahr und jahreszeitlich bedingt einzubinden.
Wir erzählen den Kindern biblische Geschichten, sie lernen christliche Symbole kennen, wir bahnen Wege zum Beten an, singen zum jeweiligen Thema passende Lieder, gehen gemeinsam in die Kirche, feiern Gottesdienste und die christlichen Feste.
Glauben als Kraftquelle zu erfahren, sich in der Gemeinschaft aufgehoben und angenommen fühlen und die Achtung vor dem Leben, vor der gesamten Schöpfung zu bewahren, sind unsere angestrebten Ziele.

Die Elternarbeit
Unsere Arbeit ergänzt die Erziehung in der Familie.
Um die Kinder unterstützend begleiten zu können, sind wir deswegen unbedingt auf die Zusammenarbeit und das Vertrauen der Eltern angewiesen.
Ein Schwerpunkt sind die Einzelgespräche sowohl vor der Aufnahme des Kindes als auch während der gesamten Kindergarten bzw. Hortzeit. Sie dienen dem gegenseitigen Kennenlernen, dem Austausch, der Vorstellung unseres Konzeptes, vermitteln einen Einblick in unsere pädagogische Arbeit, regen zum Nachdenken an, können Hilfestellung sein und tragen somit zum besseren Verständnis und dem Aufbau von Vertrauen bei.
Der offene, ehrliche und verständnisvolle Umgang miteinander und die gegenseitige Unterstützung helfen gleichermaßen den Kindern, Vertrauen zu gewinnen und sich wohlfühlen zu können.
Einzelgespräche sind nach gegenseitiger Vereinbarung möglich.
Des Weiteren bieten wir Elternabende, Eltern-Kind-Nachmittage und andere Aktionen wie Feste, Ausflüge etc. an.
Wichtige Informationen entnehmen Sie den Elternbriefen und den Informationswänden am Eingang der Kindertagesstätte und vor den jeweiligen Gruppenräumen.
Hand in Hand mit Ihnen, liebe Eltern, möchten wir Ihr Kind ein Stück seines Lebensweges begleiten und dazu beitragen, dass aus den Kindern von heute Erwachsene werden können, die ihren Mitmenschen Wertschätzung und Verständnis entgegenbringen, die bereit sind, Verantwortung für sich und die anderen zu tragen.

Das Team
Im pädagogischen Bereich sind ausschließlich qualifizierte Fachkräfte tätig; nämlich Erzieherinnen, Kinderpflegerinnen und eine Diplom-Sozialpädagogin. Praktikantinnen und Praktikanten werden bei uns ausgebildet oder können einen Einblick in das Berufsfeld erhalten. Das Team wird regelmäßig einmal im Monat von einer Supervisorin begleitet. Einmal jährlich findet unsere Teamfortbildung unter Einbeziehung entsprechender Fachleute statt. Darüber hinaus bilden sich die einzelnen Mitarbeiterinnen auf dem Hintergrund sich gesellschaftlich und institutionell verändernder Bedingungen und unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Entwicklungsbedürfnisse fort. Zudem bieten Arbeitsgruppen für Leiterinnen, die Teilnahme an Fachkongressen und Fortbildungsangebote seitens der Leiterin der Kindertagesstätte weitere Möglichkeiten der Kompetenzerweiterung.

Verantwortlich für den Inhalt dieser Konzeption ist
– im, Namen aller Mitarbeiterinnen der Kindertagesstätte St. Jacobi –
Carmen Lubach (Leiterin der Kindertagesstätte)